Nachlese: Getragen
Peter Aschoff | 6. Oktober 2009Es war ein schöner Start am letzten Sonntag – für alle, die nicht dabei sein konnten, hier ein paar Gedanken vom ImPuls am 4. Oktober zum Nachlesen und als Appetitanreger für den 18. Oktober
Jedes Menschenleben beginnt mit Rhythmus. Zwei Herzen schlagen schneller, und irgendwann kommt ein drittes hinzu – auf eine Weise, die wir zwar erklären können, aber immer noch als wundersam empfinden. Das erste, was ein Kind im Mutterleib mitbekommt, ist der Rhythmus ihres Herzschlags, das Wiegen ihrer Schritte und dass sie täglich aufsteht und sich wieder hinlegt, um zu schlafen.
Wir leben in einer Welt, die pulsiert – im Rhythmus von Tag und Nacht, von Ebbe und Flut, von Sonne und Regen, von Sommer und Winter. Wir haben einen Rhythmus, in dem wir ein- und ausatmen, geben und nehmen, reden und zuhören, arbeiten und ausruhen. Die meisten dieser Rhythmen sind in der biblischen Schöpfungsgeschichte beschrieben. Sie bilden die Grundlage für alles Leben dieser Welt, und – so sagt uns diese Geschichte – sie sind das Werk Gottes.
Auch Schönheit hat mit Rhythmus zu tun, und das nicht nur in der Natur und der Musik, sondern auch in der Sprache, in den Farben von Bildern, in der Bewegung von Tänzern und der Struktur von Kunstwerken bis in die Architektur hinein. Christian Morgenstern hat einmal geschrieben: “Schönheit ist empfundener Rhythmus”, und das nicht nur deshalb, weil sie unsere Sinne durch Licht- und Schallwellen erreicht. Vor allem erzeugt Schönheit in uns eine Resonanz, sie bringt etwas zum Klingen, sie bewegt und berührt uns wie kaum etwas anderes.
Der Rhythmus der biblischen Schöpfung ist ein heilsamer, friedlicher Rhythmus. Das ist um so erstaunlicher, als viele antike und moderne Mythen die Entstehung der Welt als einen beständigen und verlustreichen Kampf ums Überleben, ein dauerndes Ringen mit dem Chaos beschreiben. Friede ist da nur eine vorübergehende Unterbrechung des kriegerischen Grundrhythmus der Realität. Christen dagegen kennen wohl den gestörten Rhythmus und den fehlenden Frieden, aber das ist weder das erste, noch das letzte, was es über unsere Welt zu sagen gibt. Ihr Grundrhythmus ist die Liebe – Morgenstern hatte auch gesagt, dass alles schön ist, was man mit Liebe betrachtet. Das Leben ist eine große Symphonie, in der jeder eine Stimme hat und jeder zur Freude aller spielt – oder sich zurücknimmt, um anderen Raum zu geben.
Gottes Rhythmus der Liebe bleibt, allen Störungen zum Trotz. Das ist die Botschaft der Geschichte von der Sintflut, an deren Ende Gott den Regenbogen als Zeichen seiner Treue setzt, zusammen mit der Verheißung: “So lange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.”
Dieser Rhythmus ist auch für uns noch spürbar. Und er schenkt uns Geborgenheit, so wie Eltern ihre Kinder in den Schlaf wiegen und ihnen ein Lied dazu singen. Aber vielleicht gilt das ja auch noch für Erwachsene: Wenn wir mit dem Rhythmus der Liebe und der Gnade in Kontakt kommen und dabei spüren, dass unser Leben ein Geschenk ist und wir von Güte umgeben (und nicht von Feinden umzingelt) sind, dann entspannen wir uns und finden unser inneres Gleichwgewicht wieder.
Der Neurologe Oliver Sacks meint, dass das Gefühl für Rhythmus den Menschen von den Tieren unterscheidet, und auch dann noch funktioniert, wenn etwa das Sprechen nicht mehr klappt. Sacks hatte einen Patienten, der vom Blitz getroffen wurde und dabei ein Nahtoderlebnis hatte. Kurz darauf fing er an, sich für Musik zu begeistern. Er fand durch sie einen Zugang zu einem viel tieferen und erfüllteren Leben. Sacks sagt, es sei fast so, als hätte der Mann “Gottes Telefonnummer” gefunden.
Vielleicht gibt es viele Weisen und Orte, Gottes Herzschlag in den unterschiedlichen Rhythmen seiner Schöpfung zu hören. Die meisten haben das irgendwann schon einmal erlebt, wenigstens in Ansätzen. Wir brauchen nicht viel mehr zu tun als einfach einmal anzuhalten und geduldig hinzuhören. Und vielleicht auch öfter als bisher hinaus zu gehen in die Natur, wo alles um uns her lebt und vibriert.